Facebook: das FC Bayern der sozialen Netzwerke

Geheimnisvolle Facebook Nutzerzahlen, höhere Reichweiten, niedrigere Interaktionsraten…die Berichterstattung über Facebook ist eine Geschichte für sich. Eine Geschichte, die in immer neue Richtungen getrieben wird, allerdings häufig um das Thema kreist, wann dieser Erfolg ein Ende nehmen wird. Denn irgendwann müsse er das ja mal. Das Jahr hatte noch gar nicht ganz begonnen, da machte eine Untersuchung der Agentur iStrategyLabs die Runde, der zufolge Facebook einen immensen Schwund an Teenagern zu beklagen hat. So hätten in den USA in den letzten 3 Jahren 3 Millionen Teenager zwischen 13 und 17 Jahren das Netzwerk verlassen. Mich nervt die Berichterstattung etwas, aber im Grunde ein schönes Beispiel dafür, was für ein Gewicht eine einzelne Meldung bekommen kann, wenn nur ausreichend andere mit drauf springen. Auf Allfacebook.de wurden mal beispielhaft ein paar Artikel aufgelistet.

Abwandernde Teenager – ein alter Hut

Inhaltlich ist die Meldung dabei auch nicht wirklich etwas Neues. So hat bspw. Spiegel Online bereits im April 2013 genau diese Tendenz angesprochen und festgestellt, dass in Deutschland und den USA vermehrt die jüngeren Nutzergruppen abwandern oder weniger aktiv werden und auf andere Dienste ausweichen. Auch die WELT hat schon im vergangenen Jahr darüber berichtet, dass Facebook für jüngere Nutzer einfach uncool und weniger attraktiv würde. Dort schloss man aber noch mit der Erkenntnis „uncool, aber unverzichtbar“. Eine andere Umfrage unter US-Teenagern belegte, dass Facebook seinen Platz an der Sonne der beliebtesten Websites an Youtube abtreten musste.





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Basically dead and buried

Uncool auf der einen Seite, Abwanderungstendenzen auf der Anderen, Britische Forscher vom University College London gehen sogar noch einen Schritt weiter. Ihrer Global Social Media Impact Studie zufolge ist Facebook bei 16-18 Jährigen UK-Nutzern „basically dead and buried“, ja es ist ihnen sogar peinlich, mit Facebook in Verbindung gebracht zu werden. In Deutschland äußert sich dies unter anderem auch in der Nutzungsweise von Facebook und Co. Einer Studie der Gesellschaft für integrierte Kommunikationsforschung (GIK) zufolge nutzen 60% der Befragten Facebook NIE. Bei Twitter sind es sogar fast 90%. Michael Kroker spricht in diesem Zusammenhang von „Entwicklungsland Deutschland“. Klingt im ersten Moment wie eine Menge Karteileichen, ist aber mit Blick auf die offiziellen Angaben (bei ca. 82 Mio Bundesbürgern gibt es rund 54 Mio Onliner in Deutschland und davon ca. 25 Mio aktive Facebook-Nutzer) in der Größenordnung zu erwarten.

Facebook Nutzerzahlen: Große Mehrheit nutzt Facebook und Twitter nie
Quelle: Statista

Einfach zu normal

Gründe für die jugendliche Abkehr gibt es viele. Einer dürfte aber sein, dass Facebook mittlerweile einen Grad an Normalität in der digitalen Welt erreicht hat, mit dem es bei Gesprächen auf dem Schulhof keine große Rolle mehr spielen dürfte. Man muss es sich mal vor Augen halten: Facebook existiert seit 2004 in den USA und seit 2008 in Deutschland. Der ein oder andere Teenager kennt Facebook genau so lange, wie er das Internet allgemein kennt. Was anderes als Normalität sollte Facebook also sein? Damit gewinnt man als Schulhof-Trendsetter heute keinen Blumentopf mehr. Gleiches gilt im übrigen auch für den Begriff Social Media. Social Media sind so normal, dass Teenies von heute den Begriff gar nicht verwenden, wie David Philippe kürzlich erst bemerkte. Für sie ist es einfach nur „das Internet“.

WhatsApp und Co: Cooler und persönlicher

Anders verhält es sich in Sachen Coolness bei Diensten wie Instagram oder WhatsApp, denen sich Teenager nun vermehrt zuwenden. Heike Simmet sieht hier den Wunsch der Nutzer nach mehr Personalisierung. Die Abkehr von der „sozialen Massenkommunikation“ auf Facebook, hin zu sehr viel persönlicheren Kontakten auf WhatsApp, Snapchat und Co. Personalisierung als neuer Erfolgsfaktor in der digitalen Kommunikation. Gut, hier mag man streiten, wie neu dieser Erfolgsfaktor nun ist und ob es sich dabei nicht eigentlich um eine Rückkehr zu ähnlichen Wirkmechanismen handelt, wie sie SMS und MMS schon lange bedienen (nur mit dem Vorteil, dass sie kostenlos und flexibler sind). So wie man beim Smartphone häufiger schon mal vergisst, dass diese Apparate ursprünglich mal erfunden wurden, um damit mobil zu telefonieren, so kann man bei Facebook auch leicht mal vergessen, dass es ursprünglich dazu gedacht war, Freunde zu treffen und sich mit ihnen auszutauschen. Ich nutze Facebook natürlich viel beruflich, aber in meine Timeline verirrt sich (leider!) kaum noch einer meiner Freunde. Business Insider beschreibt diesen Umstand als größte Schwachstelle Facebooks. Die Timeline sei der Dreh- und Angelpunkt aller Facebook Angebote, sie sei aber so voll von (wichtigen und unwichtigen) Informationen, dass sie praktisch unter ihrem eigenen Gewicht zu kollabieren drohe. Oder anders gesagt: „Facebook is a fundamentally broken product.“

Jaja, Facebook hat es wahrlich nicht leicht dieser Tage. Und wenn es nach zwei US-Forschern der Princeton University ginge, läge das Netzwerk praktisch schon in den letzten Zügen und würde bis 2017 rund 80% seiner Nutzer verlieren. Zumindest wenn sich die Theorie bestätigen sollte, dass sich die Verbreitung von Facebook wie bei einer globalen Seuche verhielte, die sich epidemisch ausbreite und irgendwann wieder eingedämmt werde. Lecker. Facebook selbst konterte übrigens mit einer Untersuchung, der die gleichen Messmethoden zugrunde lagen wie der Princeton Studie, bei der sie zu dem Schluss kamen, dass im Jahr 2060 keine Luft mehr auf dem Planeten übrig sein dürfte.

Die Sache mit den Studien

Es ist wie es ist: zu kaum einer Studie gibt es nicht eine andere Studie, die genau das Gegenteil besagt, wenn man einfach nur die ein oder andere Grundannahme oder den Blickwinkel verändert. Aktuelle Zahlen von Socialbakers besagen zum Beispiel, dass in Bezug auf die Reichweite in der Gruppe der 13-24 Jährigen im Jahresverlauf 2013 eine Zunahme von fast 30% beobachtet wurde. Hauptsächlich getrieben durch die 18-24 Jährigen, die jüngeren Teens von 13-17 hielten das Jahr über ein recht konstantes Level, sackten aber keinesfalls ab. Von daher sei an dieser Stelle einfach der Hinweis gegeben, alle hier genannten Studien und Zahlen als Frühwarnsignale für Entwicklungen aufzufassen und sie mit den eigenen Erfahrungen abzugleichen.

Für mich ist Facebook ein bißchen das Bayern München der Social Networks. Super erfolgreich mit einer Menge Fans. Und noch mehr Leuten, die sehen möchten, wie es mal so richtig auf die Nase fällt. Die Luft an der Spitze ist bekanntlich dünn und gefühltermaßen kommen die Einschläge näher (ok, 2 Euro in die Phrasenkasse). Noch lässt sich aufgrund der Masse an Nutzern aber so einiges verschmerzen, zumal Facebook in der Gesamtheit nach wie vor wächst. Auch die Tatsache, dass Instagram stark zulegt (und das dürften unter anderem auch vermehrt die Teens sein, die weniger aktiv auf Facebook werden) lässt sicher noch ruhig schlafen.

Halten wir also frei nach Westernhagen fest: Facebook ist am Ende. Die Umleitung der Domain zu WrinkledFacebook.com längst vorbereitet. Der Social Media Hype ist vorbei. Dieses Internet wird sich ohnehin nie durchsetzen. Und ich kann über’s Wasser geh’n…





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